Weshalb ich nicht mehr in die Kirche gehe

Im Mai 2001 hat Wayne Jacobsen einen Artikel mit dem Titel Why I Don’t Go To Church Anymore veröffentlicht. Weil Wayne mir aus dem Herzen spricht, publiziere ich den Text hier. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Anhang des Buches „Der Schrei der Wildgänse“.


Wayne Jacobsen
(Bildquelle: www.lifestream.org)

Liebe Mitchristen,

ich habe Verständnis für Ihre Bedenken mir gegenüber und weiss Ihre Bereitschaft, mir Fragen zu stellen, die Ihnen Sorgen bereiten, zu schätzen. Ich bin mir dessen bewusst, dass die Art und Weise, wie ich die Gemeinde sehe, ein wenig unkonventionell ist; manche nennen es sogar gefährlich. Glauben Sie mir, ich verstehe diese Bedenken, da ich früher selbst so gedacht und sogar andere entsprechend gelehrt habe.

Wenn Sie mit dem Zustand der organisierten Religion von heute zufrieden sind, gefällt es Ihnen vielleicht nicht, was Sie hier lesen. Mein Ziel ist nicht, Sie zu überzeugen, diese unglaubliche Kirche/Gemeinde genauso zu sehen, wie ich es tue, sondern so offen und ehrlich, wie ich kann, Ihre Fragen zu beantworten. Selbst wenn wir am Ende nicht einer Meinung sind, hoffe ich, dass Sie verstehen, dass unsere unterschiedlichen Ansichten uns als Glieder des Leibes Christi nicht entfremden müssen.

In welche Kirche gehen Sie?

Diese Frage habe ich noch nie gemocht, selbst als ich eine bestimmte Organisation darauf als Antwort geben konnte. Ich weiss, was dies kulturell bedeutet, aber es beruht auf einer falschen Prämisse, nämlich, dass Kirche etwas ist, zu dem man hingehen kann, wie zu einem bestimmten Ereignis, einem Ort oder einer organisierten Gruppe. Ich glaube, dass Jesus die Gemeinde ganz anders sieht. Er sprach von ihr nicht als einem Ort, zu dem man hingehen kann, sondern er beschrieb sie als Lebensform, wie man in der Beziehung zu ihm und zu anderen seiner Nachfolger leben kann.

Wenn Sie mich fragen, in welche Kirche ich gehe, ist das, als würden Sie mich fragen, in welchen Jacobsen ich gehe. Wie soll ich das beantworten? Ich bin ein Jacobsen, und wo ich hingehe, da ist auch ein Jacobsen. Gemeinde oder Kirche ist ebenfalls ein solches Wort. Mit diesem Wort wird nicht ein Ort oder eine Institution beschrieben, sondern ein Volk und die Art und Weise, wie die Angehörigen dieses Volkes miteinander in Beziehung stehen. Wenn wir das aus dem Blick verlieren, wird unsere Vorstellung von der Kirche verdreht, und es entgeht uns ein grosser Teil der Freude, die sie beinhaltet.

Versuchen Sie nicht nur, diese Frage zu umgehen?

Ich weiss, es klingt vielleicht haarspalterisch, aber Worte sind wichtig. Wenn wir den Begriff „Kirche“ nur mit gewissen Versammlungen am Wochenende in Verbindung bringen oder mit bestimmten Institutionen, die sich als „Kirchen“ organisiert haben, verpassen wir, was es bedeutet, als Leib Christi zu leben. Wenn wir denken, wir würden in Gottes Kirche teilnehmen, weil wir einmal pro Woche ein Treffen besuchen, kann uns das eine falsche Vorstellung von Sicherheit geben. Umgekehrt höre ich Leute sagen, sie würden „die Kirche verlassen“, wenn sie eine bestimmte Kirche bzw. Gemeinde nicht mehr besuchen.

Falls die Kirche aber etwas ist, das wir sind, und kein Ort, zu dem wir hingehen, wie können wir sie dann verlassen, ohne dass wir Christus selbst verlassen? Und wenn ich nur eine bestimmte Gemeinde als meinen Teil der Kirche sehe, trenne ich mich dann nicht von unzähligen anderen Brüdern und Schwestern, die nicht die gleiche Kirche besuchen wie ich?

Die Vorstellung, dass diejenigen, die sich sonntagmorgens versammeln, um einem Lobpreiskonzert zuzusehen und einer Lehre zuzuhören, Teil der Kirche sind, während diejenigen, die das nicht tun, es nicht sind, wäre für Jesus fremd. Es geht nicht darum, wo wir uns während des Wochenendes zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhalten, sondern wie wir während der ganzen Woche in ihm und mit anderen Gläubigen leben.

Brauchen wir aber nicht regelmässige Gemeinschaft?

Ich würde nicht sagen, dass wir es brauchen. Wären wir an einem Ort, an dem wir keine anderen Gläubigen finden könnten, würde Jesus sicherlich in der Lage sein, sich um uns zu kümmern. Deshalb drücke ich es etwas anders aus: Werden Leute, die darin wachsen, den lebendigen Gott zu kennen, auch den Wunsch nach echten und wertvollen Beziehungen zu anderen Gläubigen haben? Ganz bestimmt! Der Ruf ins Reich Gottes ist kein Ruf in die Isolation. Aus meiner Erfahrung haben alle, die im Leben Jesu Fortschritte machen, den Wunsch nach authentischer Gemeinschaft mit anderen Gläubigen. Sie erkennen, dass das, was sie über Gottes Leben wissen, begrenzt ist, und dass die grösstmögliche Offenbarung von ihm nur in der Kirche zu finden ist.

Manchmal ist diese Art von Gemeinschaft allerdings nicht leicht zu finden. Ab und zu gehen wir auf unserem Weg durch Zeiten, in denen wir scheinbar keine anderen Gläubigen finden können, die unsere Sehnsüchte teilen. Das gilt insbesondere für jene, die feststellen müssen, dass ihre Beziehung zu Jesus verkümmert, wenn sie sich an die Erwartungen der religiösen Institutionen in ihrem Umfeld anpassen. Vielleicht wurden sie auch von Gläubigen ausgeschlossen, mit denen sie einmal eine enge Freundschaft gepflegt hatten. Aber keiner, der durch eine solche Zeit geht, sieht das als Zuckerschlecken an. Es ist unglaublich schmerzhaft, und jeder wird nach anderen hungrigen Gläubigen suchen, mit denen er seinen Weg gemeinsam gehen kann.

Am besten finde ich es, wenn sich gemeindliches Leben so äussert, dass sich eine örtliche Gruppe von Leuten entscheidet, einen Teil ihres Weges gemeinsam zu gehen, indem sie untereinander enge Freundschaften pflegen und lernen, gemeinsam auf Gott zu hören.

Sollten wir nicht verbindlich einer örtlichen Gemeinschaft angehören?

Diese Aussage kann man heute oft hören, weshalb die meisten davon ausgehen, dies sei irgendwo in der Bibel zu finden. Ich habe es aber bisher noch nirgends gefunden. Vielen von uns hat man beigebracht, wir könnten ohne eine „geistliche Abdeckung durch den Leib“ unmöglich überleben und würden entweder Irrlehren verfallen oder wieder in ein sündiges Leben zurückkehren. Aber finden wir dasselbe nicht auch innerhalb unserer örtlichen Gemeinden?

Ich kenne viele Leute, die ausserhalb solcher Strukturen leben und deren Beziehung zu Gott sich immer mehr vertieft und die auch Beziehungen zu anderen Gläubigen erleben, die weit tiefer gehen als das, was sie in der Institution gefunden haben. Ich habe nichts von meiner Leidenschaft für Jesus oder von meiner Zuneigung für seine Gemeinde verloren. Im Gegenteil, diese sind in den letzten Jahren sprunghaft gewachsen.

Die Bibel fordert uns auf, dass wir uns einander hingeben, nicht, dass wir uns einer Institution verpflichten. Jesus deutete darauf hin, dass immer dann, wenn zwei oder drei Leute mit ihm in ihrer Mitte zusammenkommen, sie die Lebendigkeit kirchlichen Lebens erfahren würden.

Ist es hilfreich, regelmässig an einer lokalen Ausprägung dieser Realität teilzunehmen? Natürlich. Wir machen aber einen grossen Fehler, wenn wir davon ausgehen, dass Gemeinschaft stattfindet, nur weil wir miteinander – selbst regelmässig – dieselbe Veranstaltung besuchen oder weil wir zur gleichen Organisation gehören. Gemeinschaft geschieht dann, wenn sich Leute gemeinsam auf den Weg machen, Jesus kennenzulernen. Dazu gehört, dass man einen offenen, ehrlichen Austausch pflegt, ein echtes Interesse am geistlichen Wohlergehen der anderen zeigt und sich gegenseitig ermutigt, Jesus zu folgen, wie auch immer er die Einzelnen führt.

Bewahren uns aber unsere Institutionen nicht vor Irrlehren?

Leider muss ich Ihre Vorstellung hier korrigieren, denn jede grosse Irrlehre, die in den letzten 2000 Jahren Gottes Volk aufgedrängt wurde, kam von organisierten Gruppen mit „Leitern“, die dachten, sie würden Gottes Gedanken besser kennen als alle anderen. Und umgekehrt wurde beinahe jede Bewegung Gottes unter denen, die nach ihm hungerten, von der „Kirche“ ihrer Zeit abgelehnt. Sie wurden ausgeschlossen, exkommuniziert oder hingerichtet, weil sie Gott folgten.

Die Hoffnung, in einer Institution Sicherheit zu finden, ist leider völlig fehl am Platz. Jesus sagte nicht, „in die Kirche gehen“ würde uns schützen, sondern das Vertrauen auf ihn würde dies bewirken. Er hat uns mit seinem Geist gesalbt, damit wir den Unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum erkennen können. Diese Salbung pflegen wir, wenn wir in seinem Wort seine Wege kennenlernen und näher an sein Herz wachsen. Das wird Ihnen helfen, zu erkennen, wenn die christlichen Gruppen/Gemeinden, in denen Sie aktiv sind, seinem Wirken in Ihnen entgegenwirken.

Sind traditionelle Gemeinden also falsch?

Auf keinen Fall! Ich habe in vielen von ihnen Leute gefunden, die Gott lieben und danach trachten, in seinen Wegen zu wachsen. Ich besuche jedes Jahr mehrere Dutzend verschiedene Gemeinden, denen Beziehungen weit wichtiger sind als Religion. Jesus ist im Zentrum ihres gemeinsamen Lebens, und diejenigen, die als Leiter fungieren, sind echte Diener und machen keine politischen Schachzüge. Dadurch werden alle ermutigt, einander zu dienen.

Ich bete, dass noch mehr von ihnen erneuert werden zu einer Leidenschaft für Jesus, zu einem echten Interesse aneinander und zu einer Bereitschaft, der Welt mit Gottes Liebe zu dienen. Aber ich glaube, wir müssen auch zugeben, dass solche Gemeinden in unseren Städten rar sind und dass viele von ihnen nur kurze Zeit bestehen, bevor sie unwissentlich institutionelle Antworten auf die Bedürfnisse des Leibes Christi suchen, anstatt abhängig von Jesus zu bleiben. Wenn dies geschieht, dann sollten Sie sich nicht verdammt fühlen, wenn Gott Sie führt, nicht mehr mit ihnen mitzugehen.

Sollte ich ebenfalls nicht mehr in die Kirche gehen?

Leider geht auch diese Frage am Ziel vorbei. Verstehen Sie, ich glaube nicht, dass Sie mehr in die Kirche gehen, als ich es tue. Wir alle sind doch einfach ein Teil davon, und jeder von uns sollte an dem Ort, an den Jesus ihn ruft, das tun, wozu er ihn beruft. Nicht alle von uns wachsen im gleichen Umfeld.

Wenn Sie sich mit einer Gruppe von Gläubigen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort treffen und diese Teilnahme Ihnen hilft, Jesus näher zu kommen, und auch ermöglicht, dass Sie dem folgen, was er in Ihnen tut, dann sollten Sie unter gar keinen Umständen denken, Sie müssten gehen. Vergessen Sie aber nicht, dass dies nicht die Kirche an sich ist. Es ist nur eine von vielen Ausprägungen der Kirche an dem Ort, an dem Sie leben.

Lassen Sie sich auch nicht dahingehend täuschen, dass Sie denken, nur weil Sie die Treffen besuchen, würden Sie echtes Gemeindeleben erleben. Das geschieht nur dann, wenn Gott Sie mit einer Handvoll Brüder und Schwestern verbindet, mit denen Sie enge Beziehungen aufbauen und das echte Auf und Ab auf diesem Weg miteinander teilen können.

Das kann in traditionellen Gemeinden geschehen, aber auch ausserhalb. In den letzten Jahren habe ich unzählige Leute getroffen, die hinsichtlich traditioneller Gemeinden desillusioniert wurden und geistlich aufleben, wenn sie Gottes Leben – meist in ihren Häusern – mit anderen teilen.

Dann ist die Lösung also, sich in Häusern zu treffen?

Natürlich nicht. Aber wir müssen auch eine Sache klarstellen: Soviel Spass es auch macht, in grossen Gruppen Gott anzubeten und von begabten Lehrern unterwiesen zu werden – die wahre Freude des gemeindlichen Lebens kann man nicht in grossen Gruppen miteinander teilen. In den ersten 300 Jahren sah die Kirche das Haus als den perfekten Ort an, sich zu versammeln. Häuser sind viel mehr für das dynamische Leben einer Familie geeignet – auf diese Weise hat Jesus ja schliesslich seinen Leib beschrieben.

Treffen in Häusern sind freilich kein Allheilmittel. Ich habe einige schreckliche solcher Treffen erlebt, und ich habe Gruppen in Gebäuden getroffen, die ein authentisches Gemeindeleben miteinander führten. Die Zeit, die ich regelmässig im Leib Christi verbringe, möchte ich allerdings möglichst von Angesicht zu Angesicht mit einer Gruppe von Leuten verbringen. Ich weiss, dass das heutzutage nicht beliebt ist, wo Leute es einfacher finden, einen gut geplanten (oder nicht so gut geplanten) Gottesdienst abzusitzen, und dann wieder nach Hause gehen, ohne dass sie ihr Leben öffnen oder sich um andere Menschen kümmern.

Aber letztlich ist das, was für mich am meisten zählt, nicht, wo oder wie sie sich treffen, sondern ob Leute auf Jesus ausgerichtet sind und einander auf ihrem Weg, wie er zu werden, wirklich helfen, oder nicht. Dabei kommt es viel weniger auf Treffen und Veranstaltungen an als auf die Qualität der Beziehungen. Nach solchen Leuten suche ich, und ich freue mich immer, wenn ich welche finde. In unserem neuen Zuhause in Moorpark haben wir zum Beispiel ein paar solcher Leute gefunden und hoffen, dass wir noch ein paar mehr finden werden.

Reagieren Sie nicht nur so, weil Sie verletzt worden sind?

Das könnte möglich sein, und die Zeit wird das wohl zeigen, aber, ehrlich gesagt, glaube ich, dass es nicht so ist. Jeder, der in einem echten Gemeindeleben aktiv ist, wird manchmal verletzt. Es gibt aber zwei Arten von Verletzungen. Es gibt Schmerzen, die auf ein Problem hindeuten, das mit der richtigen Behandlung gelöst werden kann – wie zum Beispiel ein stark verstauchter Fussknöchel. Und dann gibt es Schmerzen, die nur dadurch geheilt werden können, dass man sich von etwas entfernt, wie zum Beispiel, wenn man eine heisse Herdplatte berührt.

Wahrscheinlich haben wir alle gewisse schmerzliche Erfahrungen gemacht, in dem Versuch, Gottes Leben einer Institution anzupassen. Die meisten von uns blieben lange Zeit dabei, in der Hoffnung, es würde besser werden, wenn man ein paar Dinge verändern würde. Oft haben wir in Aufbruchszeiten einen begrenzten Erfolg erlebt, mussten dann aber erkennen, dass die Konformität, die eine Institution fordert, und die Freiheit, die die Leute brauchen, um in Christus wachsen zu können, letztlich miteinanderauf Kriegsfuss stehen. Dies trifft auf fast jede Gruppe zu, die in der Geschichte der Christenheit geformt wurde.

Sind Sie auf der Suche nach der vollkommenen Kirche?

Nein, und ich erwarte auch nicht, eine solche auf dieser Seite der Ewigkeit zu finden. Vollkommenheit ist nicht mein Ziel, sondern Leute zu finden, die Gottes Prioritäten haben. Es ist eine Sache, dass Leute gemeinsam ein Ideal anstreben, für das sie kämpfen. Und es ist eine andere, zu erkennen, dass unsere Ideale wenig gemein haben.

Ich mache kein Geheimnis aus der Tatsache, dass ich mir um den Zustand der organisierten Christenheit tiefe Sorge mache. Das meiste von dem, was wir heute Kirche nennen, besteht aus nicht viel mehr als gut organisierten Veranstaltungen, bei denen die Gläubigen kaum miteinander in Kontakt kommen. Die Gläubigen werden darin bestärkt, sich mehr und mehr auf das System oder seine Leiter zu verlassen, als auf Jesus selbst. Wir wenden mehr Energie dafür auf, unser Verhalten dem anzupassen, was die Institution braucht, als Leuten zu helfen, am Fuss des Kreuzes verwandelt zu werden!

Ich bin es überdrüssig, mit Leuten Gemeinschaft zu haben, die Kirche nur als eine Sache von zwei Stunden pro Woche sehen, wo man seine Schuld los wird, während sie den Rest der Woche mit den gleichen Prioritäten wie die Welt leben. Ich habe genug von jenen, die sich auf ihre eigenen Werke der Gerechtigkeit verlassen, aber kein Mitgefühl für die Menschen in der Welt haben. Ich habe auch genug davon, dass unsichere Leute den Leib Christi als ihren verlängerten Arm benutzen und ihn manipulieren, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Ich habe genug von Predigten, in denen es mehr um sklavische Religionserfüllung als um die Freiheit von Gottes Liebe geht, und von Orten, an denen Beziehungen gegenüber den Ansprüchen einer effizienten Institution in den Hintergrund treten.

Brauchen unsere Kinder aber nicht kirchliche Aktivitäten?

Das, was sie meiner Meinung nach am meisten brauchen, ist, dass sie durch beziehungsorientierte Gemeinschaft mit anderen Gläubigen in Gottes Leben integriert sind. 92% der Kinder, die in Sonntagsschulen aufwachsen, mit all den anspruchsvollen, unterhaltsamen Programmen, verlassen die „Kirche“, wenn sie ihr Elternhaus verlassen. Anstatt unsere Kinder mit Ethik und Vorschriften vollzustopfen, müssen wir ihnen praktisch demonstrieren, wie man miteinander in Gottes Leben lebt.

Selbst Soziologen sagen uns, der wichtigste Faktor, um festzustellen, ob ein Kind in der Gesellschaft einmal gut zurechtkommt, sei der, dass es tiefe persönliche Freundschaften mit Erwachsenen hat, mit denen es nicht verwandt ist. Keine Sonntagsschule kann diese Rolle ausfüllen. In Australien kenne ich eine Gemeinschaft von Christen, die nach zwanzig Jahren, in denen sie Gottes Leben als Familie miteinander geteilt haben, sagen konnten, dass kein einziges ihrer Kinder dem Glauben verloren ging, als sie erwachsen wurden. Ich weiss, dass ich hier anecken werde, aber es ist viel wichtiger, dass unsere Kinder echte Gemeinschaft unter Gläubigen erleben als die tollen Gags eines perfekten Kinderprogramms.

Wie sollte Ihrer Meinung nach echtes gemeindliches Leben aussehen?

Ich halte immer nach Leuten Ausschau, die dem lebendigen Christus nachfolgen wollen. Er ist im Zentrum ihres Lebens, ihrer Zuneigung und ihrer Gespräche. Sie wirken authentisch und befreien andere dazu, zu ihren Verletzungen und Fragen zu stehen und seiner Stimme möglichst so zu folgen, dass andere sie nicht beschuldigen können, sie seien spalterisch oder rebellisch. Ich suche nach Leuten, die ihr Geld nicht für extravagante Gebäude oder coole Programme verschwenden, und nach solchen Gruppen, bei denen die Leute, die nebeneinander sitzen, sich nicht fremd sind, und alle als ein Priestertum für Gott aktiv beteiligt sind, anstatt passiv aus sicherer Distanz zuzusehen.

Bieten Sie den Leuten nicht nur eine Ausrede, um zu Hause zu sitzen und nichts zu tun?

Ich hoffe nicht, obwohl mir bewusst ist, dass dies eine Gefahr ist. Ich sehe, dass es Leute gibt, die traditionelle Gemeinden verlassen und am Ende diese Freiheit missbrauchen, indem sie ihre eigenen Wünsche befriedigen und so das gemeindliche Leben insgesamt verpassen. Ich bin auch kein Freund von Leuten, die von einer Gemeinde zur nächsten wandern, immer auf der Suche nach dem neuesten Schrei und den besten Möglichkeiten, sich ihre eigenen egoistischen Wünsche zu erfüllen.

Die meisten Leute, die ich treffe und mit denen ich rede, sind jedoch nicht deshalb ausserhalb des Systems, weil sie ihre Leidenschaft für Jesus oder für sein Volk verloren hätten, sondern weil die traditionellen Gemeinden in ihrem Umfeld ihren Hunger nach Beziehungen nicht stillen konnten. Sie suchen nach authentischen Formen des Gemeindelebens und zahlen oft einen unglaublichen Preis, es zu finden. Glauben Sie mir, wir alle würden es viel leichter finden, einfach nur mit der Masse zu schwimmen, doch wenn man einmal lebendige Gemeinschaft unter leidenschaftlichen Gläubigen erlebt hat, ist es unmöglich, mit weniger zufrieden zu sein.

Ist diese Sicht der Kirche nicht spalterisch?

Nicht an sich. Die Leute machen es spalterisch, wenn sie fordern, dass andere sich dem anpassen, was sie an Wahrheit erkannt haben. Die meisten von uns, die auf dem Weg sind, werden angeklagt, spalterisch zu sein, weil für diejenigen, die ihre Sicherheit in einem religiösen System finden, Freiheit bedrohlich sein kann. Aber die meisten von uns versuchen nicht, andere zu motivieren, ihre Gemeinden zu verlassen. Wir betrachten den Leib Christi als gross genug, dass er alle Leute Gottes umfassen kann, wie auch immer er sie zusammenruft.

Eines, was man traditionellen Gemeinden oft nachsagt, ist, dass der Sonntagmorgen in der (amerikanischen) Kultur die Zeit mit der grössten Trennung ist. Wir treffen uns nur mit Leuten, die so aussehen, wie wir aussehen, und die das mögen, was auch wir mögen. Ich erlebe heute, dass ich viel mehr Gelegenheit habe, mit Leuten aus einem breiteren Spektrum seines Leibes zusammenzukommen. Ich verlange nicht, dass andere das genauso tun, und hoffe, dass jene, die es anders sehen, mit der Zeit die Forderung einstellen, wir müssten uns ihrer Sicht anpassen.

Wo kann ich diese Art von Gemeinschaft finden?

Dafür gibt es keine einfache Antwort. Vielleicht finden Sie sie ja gerade in der Gemeinschaft, in der Sie bereits sind. Vielleicht finden Sie sie um die Ecke in Ihrem Stadtviertel oder ein Zimmer weiter an Ihrer Arbeitsstelle. Sie können sich auch an sozialen Aktionen beteiligen, um die Bedürftigen und Zerbrochenen an Ihrem Ort zu erreichen, als eine Möglichkeit, wie Sie sein Leben in Ihnen ausleben und andere mit einem ähnlichen Hunger treffen können.

Erwarten Sie nicht, dass diese Art von Gemeinschaft leicht in eine Organisation passt. Sie ist organisch, und Jesus kann Sie gerade da, wo Sie sich befinden, hineinführen. Vertrauen Sie ihm, dass er vielleicht ein Dutzend Leute in Ihr Leben bringt, mit denen Sie Ihren Weg gemeinsam gehen können. Vielleicht gehen diese noch nicht einmal zur gleichen Gemeinde wie Sie. Vielleicht sind es Nachbarn oder Kollegen, die Gott folgen. Würde durch eine solche Vernetzung unter Gottes Leuten nicht eine unglaubliche Frucht entstehen?

Gehen Sie nicht davon aus, dass es leicht wird oder einfach funktioniert. Es bedarf gewisser Entscheidungen unsererseits, um Jesus gegenüber gehorsam zu sein. Vielleicht braucht es ein bisschen Übung, alte Gewohnheiten abzuschütteln und frei zu werden, damit er seine Gemeinschaft um Sie herum baut, aber das alles ist es wert. Ich weiss, dass einige Leute Probleme damit haben, dass ich sonntagmorgens nicht meinen Stammplatz auf einer Bank einnehme, aber ich kann Ihnen mit Gewissheit sagen, dass meine schlimmsten Tage ausserhalb der organisierten Religion immer noch besser sind, als meine besten Tage darin. Für mich ist der Unterschied ähnlich dem, ob jemand über das Golfspiel redet oder tatsächlich auf einem Golfplatz einen Satz Schläger nimmt und dort Golf spielt. Gottes Kirche zu sein ist so ähnlich. Wir brauchen heutzutage nicht noch mehr Vorträge über die Kirche, sondern Leute, die einfach ihre Realität ausleben wollen.

Auf der ganzen Welt entdecken Menschen neu, wie man das tut. Auch Sie können einer davon sein, wenn Sie sich von Gott an den Platz in seinem Leib stellen lassen, den er für Sie vorgesehen hat.

Jürg

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Jürg

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