Die Frage der Leiterschaft

Wer einen Blick auf die Strukturen der christlichen Gemeinden in unseren Breitengraden wirft, stellt fest, dass die meisten ähnliche Leitungsstrukturen aufweisen wie Firmen. Es gibt eine Art Verwaltungsrat, welcher je nach Gruppierung Vorstand, Leiterkreis, Ältestenrat oder einen anderen Namen trägt. Der kirchliche CEO nennt sich Pastor, Prediger oder Pfarrer. Um den „Erfolg“ der Gemeinde (= Wachstum) zu erhöhen, wendet man Management-Prinzipien an.

Was sagt die Bibel über die Leitung von Gemeinden? Ich bin auf einige interessante Bibelstellen gestossen, die Ansätze von Antworten auf diese Frage geben. Es geht mir bei meinen Ausführungen nicht darum, Gemeinden oder Leiter zu verurteilen. Ich will vielmehr Mut wecken, bestehende Strukturen zu hinterfragen.

Der Oberhirte

Und er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde, er, der der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem der Erste sei.
(Kolosser 1, 18)

Jesus Christus ist der oberste Leiter der Gemeinde. Von ihm gehen die Impulse aus, er koordiniert und steuert. Ich gehe davon aus, dass auch Leiter von aktiengesellschaftsähnlichen Strukturen dieser Aussage zustimmen werden. Eine Frage müssen wir aber stellen: Ist es wirklich Jesus, der Einfluss auf unsere Entscheidungen hat, oder nur unsere menschliche Vorstellung von ihm?

Als sie nun dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir Barnabas und Saulus aus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe!
(Apostelgeschichte 13, 2)

Der Heilige Geist scheint ganz klar und deutlich gesprochen zu haben. Diese Stelle tönt nicht danach, dass es irgendwelche Zweifel oder Diskussionen gab. Hat der Heilige Geist auch heute noch die Möglichkeit, ganz konkrete Anweisungen zu geben?

Zu diesem Gedanken, werden mir einige Christen entgegnen, dass das Reden des Heiligen Geistes in dieser Form aufgehört habe, da wir ja heute die Bibel haben. Ich bin einverstanden damit, dass wir das Reden des Heiligen Geistes nicht mehr in gleicher Form benötigen, da wir sehr viel über Gottes Willen in der Bibel nachlesen können. Aber weshalb sollte der Heilige Geist nicht auch heute noch ganz direkt Aufträge erteilen können, so wie er es in der Apostelgeschichte tat?

Laien und Profis?

Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht.
(1. Petrus 2, 9)

Petrus spricht hier nicht ausgebildete Geistliche an. Jedes Kind Gottes gehört zum königlichen Priestertum. Könnte das bedeuten, dass wir alle priesterliche Verpflichtungen haben, die wir nicht so einfach an bezahlte Pfarrer oder Pastoren delegieren sollten?

Wie ist es nun, ihr Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder von euch etwas: einen Psalm, eine Lehre, eine Sprachenrede, eine Offenbarung, eine Auslegung; alles laßt zur Erbauung geschehen!
(1. Korinther 14, 26)

Auch diese Bibelstelle steht im Widerspruch zu den meisten Gottesdiensten der heutigen Zeit. Nicht einige Wenige sollen die Treffen von Christen gestalten und bestimmen, sondern jeder soll etwas dazu beitragen.

Im Neuen Testament habe ich bisher keine sogenannten Vollzeiter gefunden – schon gar nicht solche, die einen fixen Monatslohn erhalten. Selbst Paulus hat zwischendurch wieder gearbeitet, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und wenn er nicht gearbeitet hat, wurde er von denjenigen versorgt, bei welchen er gerade zu Besuch war. Vermutlich waren seine Ansprüche auch nicht sehr hoch, brauchte er für seinen Dienst doch weder ein repräsentatives Fahrzeug, noch ein ruhiges Einfamilienhäuschen. Und die teuren goldbeschnittenen Bibeln und unzähligen Bibelkommentare gab es damals noch nicht.

Älteste

Hütet die Herde Gottes bei euch, indem ihr nicht gezwungen, sondern freiwillig Aufsicht übt, nicht nach schändlichem Gewinn strebend, sondern mit Hingabe, nicht als solche, die über das ihnen Zugewiesene herrschen, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid!
(1. Petrus 5, 2 – 3)

Viele Leiter reden und handeln, wie wenn es um ihre eigene Herde ginge („meine Schäfchen“). Es geht aber um Gottes Herde. Kann es sein, dass einige sich und ihre Aufgabe etwas zu wichtig nehmen?
Petrus schreibt an Älteste. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, eine Gemeinde zu managen, sondern zu hüten. Sie sind Vorbilder, an welchen sich andere Christen orientieren können. Vermutlich redeten die neutestamentlichen Ältesten mehr durch ihr Leben als mit Worten. Deshalb geht es in den Voraussetzungen, die Paulus aufführt, nicht um eine gute theologische und/oder psychologische Ausbildung, sondern nur um den Lebenswandel:

… wenn einer untadelig ist, Mann einer Frau, und treue Kinder hat, über die keine Klage wegen Ausschweifung oder Aufsässigkeit vorliegt. Denn ein Aufseher muß untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigenmächtig, nicht jähzornig, nicht der Trunkenheit ergeben, nicht gewalttätig, nicht nach schändlichem Gewinn strebend, sondern gastfreundlich, das Gute liebend, besonnen, gerecht, heilig, beherrscht; einer, der sich an das zuverlässige Wort hält, wie es der Lehre entspricht, damit er imstande ist, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen.
(Titus 1, 6 – 9)

Auf dem Hinweg der ersten Reise von Paulus sind Gemeinden entstanden. Erst als er auf dem Rückweg wieder in diese Städte kommt, setzt er Älteste ein:

Nachdem sie ihnen aber in jeder Gemeinde Älteste bestimmt hatten, befahlen sie sie unter Gebet und Fasten dem Herrn an, an den sie gläubig geworden waren.
(Apostelgeschichte 14, 23)

Für Paulus schien es kein Problem zu sein, die Gemeinden in der Anfangsphase ohne offizielle Leiterschaft zurückzulassen. Hatte er mehr Vertrauen in die Führung des Heiligen Geistes als wir das heute haben?

Ich habe dich zu dem Zweck in Kreta zurückgelassen, damit du das, was noch mangelt, in Ordnung bringst und in jeder Stadt Älteste einsetzt, so wie ich dir die Anweisung gegeben habe.
(Titus 1, 5)

Titus sollte in jeder Stadt Älteste einsetzen. In jeder Stadt! Es gab schon damals mehrere Gemeinden in einer Stadt, was man aus anderen Briefen von Paulus schliessen kann („… grüsst die Gemeinde in ihrem Haus …“). Titus wird nicht beauftragt, Älteste pro Gemeinde, sondern pro Stadt einzusetzen. Was wäre, wenn auch heute wieder Leute eingesetzt würden, die die Verantwortung für alle Christen einer Stadt übernehmen würden?

Der fünffältige Dienst

Und Er hat etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus; damit wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen, sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus.
(Epheser 4, 11 – 15)

Bei diesen Diensten geht es nicht in erster Linie um die Person, die den Auftrag erhält, sondern um die Gemeinde. „Er hat gegeben…“ Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer hat Gott der Gemeinde gegeben, nicht umgekehrt. Auch der Auftrag ist klar definiert: Ausrüstung der Heiligen. Und das Ziel: Einheit, Erkenntnis, Reife.
Ich frage mich manchmal, ob heute nicht zu stark versucht wird, diese fünf Dienste zu organisieren (gerade auch in Hauskirchen). Sicher wurde in der Vergangenheit einiges vernachlässigt, aber wir sollten aufpassen, dass wir nicht ins andere Extrem geraten. Gott gibt der Gemeinde!

Dienende Leiter

Sie binden nämlich schwere und kaum erträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; sie aber wollen sie nicht mit einem Finger anrühren. Alle ihre Werke tun sie aber, um von den Leuten gesehen zu werden. Sie machen nämlich ihre Gebetsriemen breit und die Säume an ihren Gewändern groß, und sie lieben den obersten Platz bei den Mahlzeiten und die ersten Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten, und wenn sie von den Leuten »Rabbi, Rabbi« genannt werden. Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Meister, der Christus; ihr aber seid alle Brüder. Nennt auch niemand auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Auch sollt ihr euch nicht Meister nennen lassen; denn einer ist euer Meister, der Christus. Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer sich aber selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
(Matthäus 23, 4 – 12)

Ich werde den Eindruck nicht los, dass das, was hier über die Schriftgelehrten und Pharisäer geschrieben wird, auch ganz gut über einige Leiter von heutigen (Frei-) Kirchen gesagt werden könnte.

Zum Schluss noch eine Stelle, in welcher Jesus klar den Unterschied zwischen weltlicher und geistlicher Leiterschaft aufzeigt:

Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wißt, daß die Fürsten der Heidenvölker sie unterdrücken und daß die Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein; sondern wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.
(Matthäus 20, 25 – 28)

In der Gemeinde sind also nicht Regenten gefragt, sondern Diener.

Jürg

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Jürg

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